Was uns Apps über die Welt sagen.

Der moder­ne Mensch ist ein Mys­te­ri­um. Damit die Markt­for­schung ihn erfas­sen, struk­tu­rie­ren und in ver­mark­tungs­fä­hi­ge Häpp­chen auf­tei­len kann — muss sie erst ein­mal wis­sen, was sie über­haupt fra­gen soll. Wie alt sind die? Das ist eine super Fra­ge. Dar­auf bekommt man eine kla­re Ant­wort. Aber wofür ist es gut? Wie alt füh­len sie sich? Das wäre ziel­füh­ren­der. Einem gefühl­tem 28jährigen ver­kau­fe ich ande­re Din­ge anders, als einem gefühl­ten 65jährigem. Aber ist die Ant­wort belast­bar? Sowas schwankt ja von Woche zu Woche, ja schon von Mon­tag zu Frei­tag. Auch wer da fragt, hat einen gehö­ri­gen Ein­fluß. Also wenn mich eine jun­ge Frau fragt, … aber las­sen wir das.

M.a.W., der inter­es­san­te Wan­del in der Welt ist nicht zu fas­sen. Ohne fass­ba­ren Rah­men, aber auch kein fass­ba­res Bild. Zum Glück gehor­chen vie­le Ziel­grup­pen noch den erprob­ten Rezep­ten. Aber was machen die Ande­ren?
Die Ant­wort im digi­ta­len Mar­ke­ting: Mir doch egal. Ich habe Echt­zeit­zah­len: funk­tio­niert, oder funk­tio­niert nicht. Was inter­es­siert mich die Black­box. Was nicht funk­tio­niert, wird ange­passt. A-B-C-Test­rei­hen, der Sie­ger über­lebt. Echt­zei­te­vo­lu­ti­on im Ver­kauf.
Digi­tal ist aber nur ein Teil der Welt. Solan­ge es Online bleibt, mag es nüt­zen. Unter­neh­men haben aber kei­ne Ser­ver als Kun­den. Wobei. Etli­che Unter­neh­men beneh­men sich wie Ser­ver, wo Abtei­lun­gen wie Pro­gram­me behan­delt wer­den und im Hin­ter­grund Zah­len-Effi­zi­enz-Algo­rith­men lau­fen, über deren Begrenzt­heit kaum noch einer nach­denkt. Jeder Algo­rith­mus ist ein guter Algo­rith­mus. Gibt einem das Gefühl von Sicher­heit.
Schau­en wir doch bei uns sel­ber. Jeder ist froh, wenn Goog­le irgend­et­was aus­spuckt. Hin­ter­fragt denn jemand, ob das, was man gefun­den hat, über­haupt das ist, was man zu Beginn eigent­lich such­te? Wer­den wir nicht alle immer mehr vom Algo­rith­mus gesteu­ert? Wenn A+B = C, dann not­wen­dig C-A=B. Ich freue mich auf den Tag, wo ich im Super­markt einem “ratio­na­len Ein­käu­fer” begeg­ne.

Ich hof­fe, das war genug Pro­blem­be­wusst­sein vor­ab. Wir kön­nen zum The­ma kom­men:

Ich habe nach­ge­zählt: auf die ers­te Sei­te mei­nes iPho­ne pas­sen genau 24 Apps. Davon sind vier soweit fest, als das kaum jemand Ihre Rei­hen­fol­ge ändert: Tele­fon, eMail, Brow­ser, Musik. Die­se Vier wur­den in die fol­gen­de Wer­tung span­nen­der­wei­se gar nicht erst auf­ge­nom­men. Die Wer­tung trägt den Namen “Top 10 der Apps mit dem größ­ten Reich­wei­ten­wachs­tum 2013”, ist vom  Glo­bal­We­b­In­dex und zeigt auch die 10 meist­be­nutz­ten Apps inkl. der Anzahl Ihrer Nut­zer. Letz­te­rer Teil inter­es­siert mich.

The­se: Inter­net muss man sich leis­ten kön­nen und auch wol­len. Mobi­les Inter­net sowie­so. Wir haben es also mit einer Art glo­ba­ler Eli­te zu tun, die hier ver­mes­sen wird. Glo­ba­le Eli­te heisst auch: nicht-natio­na­le-Eli­te. Min­des­tens teil­wei­se.
Wer über die Kön­nen/Wol­len-Gren­ze gesprun­gen ist, ent­deckt den Nutz­wert digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en meis­tens umge­hend. Schö­nes Bei­spiel: die Ver­le­ger. Noch vor zwei Jah­ren erbit­ter­te Bekämp­fer des Inter­net, twit­tern sie heu­te mühe­los aus dem Val­ley sel­ber. Bist du drin — bist du nie wie­der draus­sen.

Die­se Eli­te nutzt also fol­gen­de Apps am Meis­ten. Hin­ter jeder App steht aber auch eine Fra­ge, die durch  die App beant­wor­tet wird. Ich wer­de ver­su­chen, die­se Fra­gen her­aus­zu­lö­sen. Denn die Sum­me der Fra­gen gibt uns ein Psy­cho­gramm des Mys­te­ri­ums des moder­nen Men­schen. So The­se Nr. 2.

Ach­tung: die vier Stan­dard­apps, Tele­fon, eMail, Brow­ser, Musik, wel­che ja nicht erfasst wur­den, aber sicher die meis­te Ver­brei­tung haben, sind so etwas wie die vier Ele­men­te der Grie­chen, die Grund­ma­te­rie des moder­nen Men­schen: Erde (z.B. Brow­ser, das Web), Was­ser (z.B. eMail), Luft (z.B. Tele­fon), Feu­er (z.B. Musik).

Nun aber zu den häu­figs­ten Apps auf dem Pla­ne­ten. Man beach­te die abso­lu­te Ver­brei­tung. So kommt die Nr. 1, Goog­le Maps, auf 472,93 Mil­lio­nen Nut­zer. Bei 8 Mrd. Men­schen sind das 16.9% der Welt­be­völ­ke­rung. Der letz­te des Ran­kings, Yelp, kommt auf 3% mobi­ler Nut­zer, also abso­lut 26,3 Mil­lio­nen. Da Goog­le Maps von einem 6tel der Welt­be­völ­ke­rung genutzt wird, kön­nen wir kaum noch von Eli­te spre­chen. Bei Yelp aller­dings schon. Die Mischung aller Apps macht es also. Ich den­ke, das Vor­ge­hen ist legi­tim. Zuvor noch ein kur­zer Hin­weis: das soge­nann­te Top10 Ran­king lis­tet die 15 belieb­tes­ten Apps. Aber wer will sich von Klei­nig­kei­ten auf­hal­ten las­sen? Eben.
(Die Zahl für 100% aller mobi­len Inter­net­nut­zer ergibt sich mathe­ma­tisch aus Face­book, das 45% nut­zen, was ins­ge­samt 394,09 Mil­lio­nen Nut­zer macht, sie­he Quel­le.)

Die_wichtigsten_Apps_2013

Womit wir bereits sind, für die Idee hin­ter die­sem Bei­trag: Wel­che zutiefst mensch­li­che Fra­ge ver­steckt sich hin­ter jeder App?

  • Goog­le Maps: Wo ver­dammt noch­mal bin ich hier und wo woll­te ich eigent­lich hin?
  • Face­book: Merkt eigent­lich noch jemand, daß ich exis­tie­re? (Gegen­wart) Alter­na­tiv: Mit wem treibt sich mei­ne Ex jetzt wie­der rum? (Ver­gan­gen­heit)
  • You­tube: Gibt es irgend­et­was da draus­sen, daß Sinn macht? (Zukunft) Oder wenigs­tens ablenkt? (Gegen­wart)
  • Goog­le+: Ver­steht irgend­je­mand, daß ich wich­ti­ge Gedan­ken habe?
  • Twit­ter: Hast du das auch gese­hen? Ist das nicht einen Auf­schrei wert? (Kon­kret: Fühlt jemand so wie ich?)
  • Sky­pe: Mag’ mich jemand anschau­en?
  • Face­book Mes­sen­ger: Wozu hat­te ich das noch­mal instal­liert? Alter­na­tiv: Ich ken­ne dei­ne eMail zwar nicht, aber …?
  • Whats­App: Wo ste­cken mei­ne Kum­pels gera­de und war­um haben sie mich ver­ges­sen?
  • Insta­gram: Ist die Welt nicht schön?
  • OviMaps: (Ken­ne ich nicht.)
  • Fours­qua­re: Kuckuck, hier bin ich. Will nicht jemand kom­men? Alter­na­tiv: Gibt es noch ech­te Freun­de da draus­sen?
  • Flickr: Ver­stehst du Welt, was ich sagen will? (Mit Fotos, ver­steht sich.)
  • Sha­zam: Wann ist die  Tech­nik intel­li­gen­ter, als der Mensch? Alter­na­tiv: Kann mir die­ses Lied sagen, wonach ich suche?
  • Vine: Ist das Leben nicht schön?  Alter­na­tiv: Wird mir jetzt jemand fol­gen? (Sie­he die Ver­wandt­schaft und die Unter­schie­de zu Insta­gram.)
  • Yelp: Wo krieg ich was zu Essen, das man auch foto­gra­fie­ren kann?

Die Prio­ri­tät der Fra­gen wird durch die Anzahl der Instal­la­tio­nen bestimmt. So ist die Fra­ge: “Wo ver­dammt noch­mal bin ich hier…?” schein­bar die wich­tigs­te Fra­ge über­haupt. Welt­weit. Logisch, wäre unser Leben nicht so mobil, gäbe es auch kei­ne mobi­len Nut­zer.
Fas­sen wir also zusam­men. Ohne jeden klas­si­schen Halt, sucht der moder­ne Mensch, was er schon immer gesucht hat: Ver­or­tung, Aner­ken­nung und etwas zu Essen. Apps, oder Anwen­dun­gen, geben ihm dabei eine enor­me Fle­xi­bi­li­tät. Die ist auch nötig, wenn die Orte ver­schwin­den. Aller­dings sagt ihm nur eine der Apps, wie er zum Ziel kommt. Aus­ser es geht um’s Essen. Ein ver­dien­ter Platz 1 für Goog­le Maps, das durch Apple erst so rich­tig Sinn bekom­men hat. (Gab’s dafür schon ein Dan­ke? ;-)

Ein Blick auf die am schnells­ten gewach­se­nen Apps erlaubt lei­der kei­ne abwei­chen­de Ana­ly­se. Immer­hin — mit Blick auf das Arti­kel­bild — erlau­ben mobi­le Com­pu­ter wie­der den auf­rech­ten Gang. Das gibt Hoff­nung.

Oder? Was macht ihr mit den Apps, was ihr nicht auch durch ein Tele­fo­nat, eine eMail, dem Web­brow­ser oder ein biss­chen pas­sen­de Musik lösen könn­tet?

Quel­le: Blog­bei­trag zur Stu­die / Bild­quel­le: Art­ge­rech­te Hal­tung?

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