Twitter ist ein snm Dienst

Twit­ter ist wie Tem­po, der Begriff steht für die Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die er erfun­den hat, so wie Tem­po für Zell­stoff­ta­schen­tü­cher. Der Begriff ist ein­fach kür­zer, das macht ihn all­tags­taug­lich. Wenn ich Twit­ter jeman­den erklä­ren will, nutzt das aber nichts, genau­so wenig, wie wenn jemand Tem­po hört und noch nie so ein Taschen­tuch gese­hen hat. Zudem ist Twit­ter eine Vor­la­ge für vie­le ähn­li­che Diens­te mit ande­rem Namen. Man braucht also eine Bezeich­nung für die­se Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die weder zu tech­nisch ist, noch zu pau­schal.

Die typi­sche Bezeich­nung in ande­ren Diens­ten (Xing, Face­book) ist “Sta­tus­mel­dung”. Das ist mir zu platt. Zudem kom­men die meis­ten Defi­ni­tio­nen aus dem Web 2.0 Umfeld. Wenn man einen guten Begriff fin­den möch­te, muss man aus Sicht der “Nor­ma­len” den­ken, Men­schen also, die so etwas im All­tag nut­zen, ohne sich für die Grund­la­gen dahin­ter zu inter­es­sie­ren.

Ich begann mit mei­nen Über­le­gun­gen also bei ssm -soci­al short messa­ging — eine Anleh­nung an sms — short messa­ging ser­vice. Das ist für vie­le ein bekann­ter Begriff, was wie­der­um bei Erklä­run­gen sehr hilf­reich ist. Nicht nur, daß die­se Defi­ni­ti­on bei Twit­ter kaum Wider­hall fand, er greift auch zu kurz und ist eben zu tech­nisch.

Dann erklär­te der Goog­le CEO Twit­ter zu “eMail für Arme”, was enorm Wider­hall fand, aber gar nicht so gemeint war. In sei­ner Rede fin­det sich jedoch eine ande­re Bezeich­nung, die den Kern viel tie­fer trifft: “einen Instant Mess­an­ger Dienst haben wir schon”. Das war die ech­te Defi­ni­ti­on für Eric Schmidt von Goog­le. Es war die Web 1.0 Sicht­wei­se, so wie sms die Beschrei­bung aus klas­si­scher Sicht ist. Twit­ter ist aber weder ein Chat, noch des­sen Alter­na­ti­ve auf dem Han­dy.

Nun war es nur noch ein klei­ner Schritt, bei­des zusam­men­zu­brin­gen:

Twit­ter ist ein soci­al news messa­ging (snm) Dienst.”

Wir arbei­ten uns von hin­ten nach vor­ne:

- messa­ging meint das Ver­sen­den von Kurz-Nach­rich­ten. Das ist der tech­ni­sche Teil.
news meint Nach­rich­ten aller Art, die aber unbe­dingt aktu­ell sein müs­sen.
soci­al meint einen Bekann­ten­kreis.

  1. Alles zusam­men meint: aktu­el­le Nach­rich­ten in kur­zer Form, die in mei­nem Bekann­ten­kreis rele­vant sind. Das geht dann vom Auf­ent­halts­ort, über die Geburt eines Kin­des, bis hin zur mensch­li­chen Tra­gö­die am ande­ren Ende des Atlan­tik. The­men also, die man sonst bei einem Kaf­fee mit Freun­den, einer Par­ty, einer Lokal­zei­tung oder in den Fern­seh­nach­rich­ten fin­det — aber immer gefil­tert durch ein per­sön­li­ches sozia­les Netz­werk.
  2. Wich­tig ist hier­bei der Begriff: “Bekann­ter”. Er ist um eini­ges fla­cher als “Freund”, beschreibt das Netz­werk aber ganz gut. The­men im Freun­des­kreis sind für Twit­ter oft zu intim, The­men unter Unbe­kann­ten irrele­vant — das betrifft v.a. vie­le der “nor­ma­len Nach­rich­ten”.
    in die­sem Sin­ne kann man “Fol­lo­wing” auch als “Kon­takt hal­ten” bezeich­nen, was wie­der­um kein tech­ni­scher Begriff ist, son­dern ein Begriff der sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, der für vie­le der Web 2.0 Com­mu­nities zutrifft. Und dar­um geht es doch.
  3. Zudem kann der Begriff snm dem pri­va­ten Nut­zungs­ver­hal­ten ange­passt wer­den. Man­che kom­mu­ni­zie­ren sehr pri­vat, ande­re wie­der­um sehr breit. All’ das passt in die­se Defi­ni­ti­on der neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form des soci­al news messa­ging. Auf deutsch: Sozia­ler Nach­rich­ten Aus­tausch.
  4. Die­se Defi­ni­ti­on erlaubt es auch, Twit­ter in den Raum der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en ein­zu­ord­nen. Es ist eine Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die im Gegen­satz zu vie­len ande­ren tech­no­lo­gi­schen Medi­en wesent­lich dich­ter an der Face-to- Face- Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, im Gegen­satz zu die­ser aber kein tie­fes Erle­ben und gefühls­mä­ßi­ges Erin­nern ermög­licht. Hier­zu sei der Ver­gleich zwi­schen mei­nem Twit­ter- Stream zum Pink- Kon­zert mit einem eige­nen Kon­zert­er­leb­nis emp­foh­len.
    Im Unter­schied zu Fern­se­hen und Zei­tung sieht man auch, daß es bei die­sen Medi­en immer ein per­sön­li­ches Erle­ben ist, kein sozia­les (Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel).
  5. Twit­ter ist die per­sön­li­che Zei­tung. Eine Ver­bin­dung von Nach­rich­ten­ti­cker + Zei­tung + per­sön­li­ches Umfeld.

Nach­trag: bei Dave Winer (RSS und Web­log Pio­nier) wird der­zeit die glei­che Dis­kus­si­on geführt, liegt aber näher am All­tags­be­griff: Wie wer­den die Men­schen zu “twit­tern” sagen?

Eine Dis­kus­si­on ist drin­genst erwünscht:

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12 Kommentare bei „Twitter ist ein snm Dienst“

  1. net­ter ansatz, aber mir fehlt die abgren­zung, in dem fall zum blog :/

  2. Dafür gibt es ja Kom­men­ta­re ;-) Im Ernst, ich hät­te noch end­los mehr dazu schrei­ben kön­nen, woll­te aber die Auf­merk­sam­keits­span­ne des durch­schn. Blog­le­sers nicht über­for­dern ;-)

    Im Blog geht es nicht um Kurz­nach­rich­ten. Das Blog ist deut­lich weni­ger sozi­al, da die meis­ten Leser über Goog­le kom­men und nicht aus mei­nem Bekann­ten­kreis. Blogs hal­ten sich an ein The­ma, Twit­ter ist mul­ti-the­ma­tisch. Blogs erlau­ben Ver­tie­fung, sowo­hol von der Text­län­ge, als auch von der Dis­kus­si­on her.
    Blei­ben wir kurz bei dem Punkt: Dis­kus­sio­nen fin­den auf Twit­ter nicht direkt statt, son­dern sind das Ergeb­nis in der Time­li­ne, wenn ein The­ma län­ger anhält.

    Das Blog steht damit zu Twit­ter, wie ein dpa Ticker zur Kolum­ne, klas­sisch gespro­chen. Des­we­gen ist Twit­ter auch nur in der tech­ni­schen Sicht ein “Micro­blog­ging”. Bei den vie­len Mil­lio­nen Blogs da draus­sen, kann ich mir nur eines vor­stel­len, daß im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zept auch so auf Twit­ter funk­tio­nie­ren könn­te: Boing­Boing.

    Blog zu Twit­ter:
    Soci­al: beim Blog wei­ter und fla­cher gefasst
    News: eher infor­ma­ti­on, als news — Aktua­li­tät gerin­ger
    Messa­ging: mal eher gar nicht

    Und ja, es gibt Über­schnei­dun­gen; TV z.B. kann auch Thea­ter und Nach­rich­ten, im Kern ist es aber ein Spiel­film- und Seri­en- Medi­um

  3. […] Twit­ter ist ein snm Dienst | Zah­len | Mar­ke­ting Wel­ten — Ver­such einer Twit­ter-Defi­ni­ti­on als “Soci­al News Messaging”-Dienst. Schon sehr schlüs­sig, aber sicher­lich noch aus­bau­fä­hig. […]

  4. der ver­gleich mit tem­po hinkt. weil ja kein mensch zur sms sagt, dass er twit­tert. nur wer twit­tert, twit­tert. klingt ver­wir­rend. wenn ich ein tatü-taschen­tuch her­ge­be sage ich den­noch: willst ein tem­po?
    die abgren­zung liegt doch an der geschwin­dig­keit: wochen­zei­tung, tages­zei­tung, blog, twit­ter — zumin­dest ist das so in mei­nen augen. kann mich auch täu­schen.
    und was ist mit dem push und pull-the­ma? face­book lie­fert mir alles. oder? twit­ter muss ich prak­tisch durch refresh abho­len.

  5. @JuliaG so her­um: als aus dem Stoff- Taschen­tuch ein Zell­stoff- Taschen­tuch wur­de (schon Zell-Stoff ist ein inter­es­san­tes Wort), konn­te Tem­po den Begriff dafür bele­gen; als aus der sms ein soci­al news messa­ging wur­de, konn­te Twit­ter das glei­che, ein­fach weil sie es erfun­den haben; mehr noch, twit­ter ist ein Verb gewor­den, Tem­po nicht.

    Das The­ma “Geschwin­dig­keit” ist soch nur rele­vant, wenn man denkt, Twit­ter wäre eine neue Zei­tung, ist es aber nicht. Die Anzahl der dar­aus resul­tie­ren­den Miß­ver­ständ­nis­se ist Legi­on.

    Push-Pull ist tech­nisch, die Wahr­neh­mung der User ent­schei­det. Face­book muss ich auch erst laden / auf­ru­fen. Wenn ich Twit­ter über ein Tool nut­ze — und das macht Sinn — gibt es die­ses Push-Pull-Erleb­nis auch nicht mehr.

  6. ah, jetzt ver­steh ich wo du her­kommst. in mei­ner welt ist geschwin­dig­keit ja anpass­bar :-). die wahr­neh­mung der meis­ten leu­te, die ich ken­ne ist halt: zei­tung-info ist ein paar tage nachlesbar/interessant, blog ist heu­te inter­es­sant, twit­ter ist gar nicht inter­es­sant — weil sekun­den-infos ein­fach viel zu fad sind. seh ich im übri­gen auch so. wird alles über­be­wer­tet. die men­schen lei­den zu sehr unter der infoflut. der kör­per kanns nicht mehr sor­tie­ren und sie lan­den bei mir in der pra­xis. und brau­chen jede men­ge tem­pos aus zell-stoff. :-)

  7. Für mich ist Twit­ter ein Blog, das schnell und kurz Neu­es berich­tet. Dis­kus­si­on fin­det durch­aus bei Twit­ter statt. Sozi­al: man hat Kon­takt zu allen, die sich auf Twit­ter öff­nen & kom­mu­ni­zie­ren (das habe ich weder im Radio noch bei einer Zei­tung).
    (@nettys auf Twit­ter)

  8. Aller­dings fin­de ich nicht unbe­dingt, dass twit­tern etwas pri­vat-sozia­les hat. Guckt man sich die Anzahl der Fol­lo­wer berühm­ter Leu­te an, kann man davon aus­ge­hen, dass die nicht jeden zwei­ten Sonn­tag gemein­sam beim Milch­ca­fé über pri­va­te Din­ge reden. Abge­se­hen davon, wer­den Tweets ja nun auch sehr viel für kom­mer­zi­el­le Zwe­cke ver­wen­det und durch diver­se “Mass­Fol­lo­wer” Soft­ware, wird das “Soci­al (Bekanntenkreis)-News-Messaging” inzwi­schen auch ad absur­dum geführt, oder?

  9. @Jane

    Es gibt Web­logs, die haben Mil­lio­nen von Lesern — aber bei der abso­lu­ten Mas­se ist es eben nicht so. Die Aus­nah­me bestimmt hier die Regel und die Regel bestimmt die wesent­li­chen Eigen­schaf­ten des Medi­ums. Das ist bei Twit­ter genau­so. Und wer auch und gera­de im kom­mer­zi­el­len Umfeld nicht tau­sen­de Abbo­nen­ten hat, der soll­te Twit­ter mei­nes Erach­tens so sehen, wie ich es hier beschrie­ben habe.

    Die Mas­sen-Fol­lo­wer-Tools erzeu­gen Quan­ti­tät, aber kaum Qua­li­tät. Mit so etwas schwächt man sich nur sel­ber. Man sieht das gut bei Sascha Lobo, wo über die Zeit die Twits immer weni­ger und nicht bes­ser wur­den. Frü­her kam da mehr geziel­ter Inhalt. M.a.W. auch bei eMail gibt es gute News­let­ter und Spam ;-)

  10. Kennt Ihr http://www.noggel.de? Das ist die deut­sche Ant­wort auf twit­ter. Kann ich wenigs­tens lesen, da alles auf Deutsch ist.

  11. […] Dar­auf gibt es so vie­le Ant­wor­ten, wie auf die Fra­ge “Was soll mir ein Tele­fon brin­gen?” Und ein paar ande­re — sie­he Def­i­n­i­tion. […]

  12. […] agie­ren Soci­al Net­works sowohl als Fil­ter, als auch als Mega­phone (das habe ich hier aus­gie­big beschrie­ben). Die Fra­ge ist, wie breit soll die Streu­ung sein. Ist das Medi­um eher Com­mu­ni­ty­cen­tric […]

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