res:publica 2014 — ein Versuch

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Ich sag’s nicht ungern: das sind die Far­ben der Tri­ko­lo­re, gesam­melt auf der Ber­lin Web Week.

Die re:publica dau­ert zwei­mal. Drei Tage Ein­tau­chen, drei Tage Inhal­te, oder län­ger, je nach Gus­to. Sie ist kei­ne Kon­fe­renz und kein Bar­camp. Sie ist eher eine Camp­Kon­fe­renz. Sie ist Inhal­te und sie ist Kul­tur. Eher noch ist sie Kul­tur und Inhal­te. Die re:publica (#rp) ist schwer zu fas­sen. Selbst im 8. Jahr. Ein Ver­such.

Wehmut_rp14Die re:publica ist groß­ar­tig und reisst fast jeden mit. Der re:publica Blues, das per­sön­li­che, see­li­sche Loch danach, ist ein ste­hen­des Wort. Was solch eine emo­tio­na­le Tie­fe erschafft, ist mehr, als eine Kul­tur. Eine Kul­tur reisst mit, im bes­ten Fall, die re:publica aber stif­tet Iden­ti­tät.
Nicht bei allen. Eine Ihrer gro­ßen Stär­ken. Die #rp hat kei­ne The­men­strän­ge, kei­ne Ziel­grup­pen, son­dern eher Besu­cher­clus­ter. Des­halb kann die FAZ ganz anders dar­über schrei­ben, als die T3N und es stimmt doch. Womit ich mich an die­ser Stel­le erst­ma­lig einem Begriff wid­men muss.

Das sind keine Schmuckstücke, sondern Elektronikteile, die zu eigenen Objekten gebastelt werden.
Das sind kei­ne Schmuck­stü­cke, son­dern Elek­tro­nik­tei­le, die zu eige­nen Objek­ten gebas­telt wer­den.

Was ist eine Netz­ge­mein­de? Die Urchris­ten tra­fen sich an ver­schie­de­nen Orten im Mit­tel­meer­raum. Ver­schie­de­ne Her­künf­te, sowohl aus loka­ler, als auch sozia­ler Sicht, aber glei­cher Glau­be. Sie ver­stan­den sich als Gemein­de.
Chris­tia­ne Froh­mann lässt in Ihrem sagen­haf­ten Vor­trag die­sen Halb­satz fal­len: “… das Inter­net als Reli­gi­on…” Eine Urge­mein­de braucht kei­nen Leit­fa­den, kei­ne eta­blier­te Struk­tur, so wenig Glau­be an sich fass­bar ist. Im ein­fachs­ten Fall: Der Glau­be dar­an, daß das Inter­net gut ist, hat­te die Netz­ge­mein­de geeint.
Im Deut­schen meint Gemein­de aber auch eine Sied­lung, ein Zusam­men­sein. Das scheint mir der aktu­el­le Ent­wick­lungs­stand der #rp. Aus einem dif­fu­sem Glau­bens­völk­chen wird eine Gemein­de. Wird, denn noch ist es nicht soweit.
Das Gan­ze ist zu _emotional virtuell_, als das es den Teil­neh­mern schon greif­bar wäre. Die Ten­denz ist aber sicht­bar: Hei­mat ist kein Ort, Hei­mat ist ein Gefühl, das Gefühl eines Ortes, der sich in den Her­zen mate­ria­li­siert. Orte kön­nen auf ver­schie­de­nen Wer­te­ebe­nen ent­ste­hen, von der sicht­bar, mate­ri­el­len, bis eben hin zur Reli­gi­on. Die #rp ist auf dem Weg dahin, eine sol­che Hei­mat zu schaf­fen. Der Ort, an dem die Ver­netz­te Gemein­de leben­dig wird.

Zuviele Kaffeebons, um sie noch einzusammeln.
Zuvie­le Kaf­fee­bons, um sie noch ein­zu­sam­meln.

Genau hier muss ich der FAZ wider­spre­chen, sie “diss­kur­sie­ren” (vlt. gefällt Wib­ke der Begriff? Nicht ganz leicht, aber Ein Huhn ist ja auch kein Pony­hof ;-). Die #rp war immer eine Gesell­schafts­kon­fe­renz und kei­ne Inter­net­kon­fe­renz. Es ist ja nicht so, daß sich das Inter­net nicht immer schon der Gesell­schaft geöff­net hät­te. Es ist doch so, daß sich nun lang­sam die Gesell­schaft dem Inter­net öff­net. Des­we­gen waren es nun über 6000 Besu­cher und nicht mehr 600. Nicht anders­her­um.

Es ist also ein Wer­te­Set, daß die Teil­neh­mer der #rp eint, ent­we­der, weil sie die­se Wer­te leben, oder weil sie spü­ren, daß die­se Wer­te dabei sind, die Welt zu ver­än­dern, oder ein­fach einen gehö­ri­gen Impact haben. Wer­te auf einer hohen emo­tio­na­len Ebe­ne. Wes­halb sich so vie­le unter­schied­li­che Men­schen unter Ihrem Dach ver­sam­meln kön­nen und Bier trin­ken. Wer­te, die nichts mit Tech­nik zu tun haben und nur wenig mit Tech­no­lo­gie. Wer­te, wie sie sich z.B. im Zufall offen­ba­ren, dem fina­len, gemein­sa­men Absin­gen der Bohemi­an Rhap­so­dy von Queen.
Der Song wur­de vor Jah­ren auf der #rp als Lücken­fül­ler zum Such­be­griff Karao­ke zufäl­lig gefun­den. Doch selbst mit end­lo­ser Suche wäre es schwer, einen Bes­se­ren aus­zu­gra­ben. Er passt ein­fach zu den Lebens­künst­lern, die sich hier ver­ei­nen. Manch­mal auch ganz direkt, wie in der Zei­le: „Is this the real life, is this just Fan­ta­sy?” Wer die #rp tie­fer ver­ste­hen will, kann sich durch­aus Text und Bau­art mal anschau­en.

So ent­steht Hei­mat. Gemein­sa­me Wer­te ent­de­cken, fest­hal­ten, dafür ein­ste­hen und dann — sess­haft wer­den — egal an wel­chem Ort. Der Weg der #rp.
Sie IST eine Gesell­schafts­kon­fe­renz. Doch zunächst muss sie das The­ma Tech­no­lo­gie über­win­den, um zu ver­ste­hen, um wel­che Gesell­schaft es geht.

Genau hier setzt mei­ne inhalt­li­che Kri­tik an. Vie­len Vor­trä­gen fehlt der Refe­renz­rah­men, um Sinn zu ent­fal­ten. Viel zu viel ist noch 19. Jahr­hun­dert, Natio­nal­staat­li­ches, obwohl man sich doch genau davon frei machen möch­te. Sie blei­ben so im Klei­nen, wo doch Gro­ßes denk­bar und wich­tig wäre. Nicht ver­wech­seln: das Gro­ße steckt im Klei­nen, doch genau die­ses Klei­ne gilt es zu fin­den. Ein Bei­spiel: War­um regen sich die Leu­te nicht über das Aus­maß der Über­wa­chung auf? Weil es eine wich­ti­ge staat­li­che Funk­ti­on ist, um Sicher­heit zu gewähr­leis­ten. Alle Non-Techies, die ich ken­ne, neh­men das bewusst wahr. Solan­ge aber kei­ne Alter­na­ti­ven sicht­bar sind, bleibt das The­ma, wie es ist. Es lohnt ein­fach nicht, sich auf­zu­re­gen. Was ja nicht heisst, daß man es nicht wahr nimmt. Nur: genau die­se wich­ti­gen Fra­gen wer­den auf der re:publica zwar bespro­chen, aber nicht behan­delt.

Die Netz­ge­mein­de ist noch zuviel Anar­chie und zu wenig Hip­pie. Aber es wird bes­ser.

Das ist kei­ne Kri­tik an der #rp. Im Gegen­teil. Sie ist so, wie sie ist und so ist sie gut, denn sie ist ja kei­ne Kon­fe­renz. Sie ist ein dyna­mi­sches Abbild. Genau das ist doch Gesell­schaft, ein Pro­zeß, eine Ent­wick­lung. Mit Bier, Bla­sen und Bro­phe­ten.

Installation auf der #rp zum Keyvisual von "Into the wild"
Instal­la­ti­on auf der #rp zum Key­vi­su­al von “Into the wild”

Es wäre ein­fach nicht das Inter­net, wenn jetzt alle nach Hau­se gehen und eine Revo­lu­ti­on anzet­teln wür­den. Aber: 6000 — und etli­che mehr an den Bild­schir­men — gehen mit einem ande­ren Kopf nach Hau­se — und, was viel mehr zählt — einem ande­ren Her­zen. So fin­det Ver­än­de­rung, Umset­zung und Anwen­dung an vie­len klei­nen Stel­len statt. Von den Akti­vis­ten, den Wis­sen­schaft­lern, den Poli­ti­kern bis zu den Vor­stands­mar­ke­ting­leu­ten(™) und nicht zuletzt den Zuschau­ern von U-Bahn-TV in Ber­lin, was ja auch Leu­te aller Kon­ti­nen­te sind, von Wed­ding bis Neu­see­land.

Into the wild — ist für die einen auf­re­gend, für die ande­ren beängs­ti­gend. Alle sind Gesell­schaft. Die Geschwin­dig­keit der Bits & Bytes ist eine der Phy­sik, kei­ne der Men­schen. Mit einem Wort: passt schon. Lang­sam, aber unauf­halt­sam ent­steht eine neue Welt. Eine Welt, in der die und- Men­schen, die ent­we­der-oder-Men­schen mit­neh­men müs­sen:

Unsinn_rp14Unsinn stif­ten als per­for­ma­ti­ve Auf­klä­rung von Chris­tia­ne Froh­mann [sic!] — mein Vor­trag der #rp14. Der Vor­trag ent­steht durch Framing eines The­mas, wird dann aber frei gehal­ten. Er ver­bin­det Kul­tur­wis­sen­schaft mit All­tags­spra­che und All­tags­er­le­ben. Neben der Auf­tei­lung in die Men­schen der Renais­sance (Ent­we­der-Oder, kla­re Struk­tu­ren und Ver­hal­tens­wei­sen, klass. Wis­sen­schaft) und die Men­schen davor und danach (Und-Men­schen, Zusam­men­hän­ge, Ver­bin­dun­gen, emo­tio­na­le Ganz­heit­lich­keit, eben auch mit Unschär­fen und Unend­lich­keit), spricht sie auch von Big Data. Unsinn als Mög­lich­keit, den gro­ßen Algo­rith­mus aus­zu­trick­sen. Mensch vs. Maschi­ne.

Der Vor­trag von Vik­tor May­er-Schön­ber­ger, Prof am Oxford Inter­net Insti­tu­te, war wie eine Vor­be­rei­tung dazu: Frei­heit und Vor­her­sa­ge: über die ethi­schen Gren­zen von Big Data. Er plä­diert für mehr Mensch­lich­keit bei Big Data, sowohl aus Effi­zi­enz­grün­den, weil die Algo­rith­men auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne nicht funk­tio­nie­ren, aber auch aus ethi­schen Grün­den, weil Big Data schlicht eine Saue­rei ist, wenn Schwei­ne hin­ter dem Com­pu­ter sit­zen.
Nicht zuletzt des­halb for­dert er neue, unab­hän­gi­ge Insti­tu­tio­nen, die Big Data für den Ein­zel­nen über­wa­chen — und damit das Selbst­be­stim­mungs­recht mas­siv ein­schrän­ken wür­den. Eine sehr prak­ti­ka­ble, aber ethisch böse The­se. Ent­we­der-Oder Mensch trifft auf Und-Kul­tur. Das auf den Punkt zu brin­gen, dafür bin ich der FAZ z.B. wie­der sehr dank­bar.

Yvon­ne Hof­stet­ter bringt es mit Big Data? Intel­li­gen­te Maschi­nen! dann auf den Schmerz­punkt und mich in einen Zustand der tiefs­ten Besorg­nis. Trotz Erkäl­tung ist sie gekom­men und hat Ärger im Gepäck. Was sie erzählt, ist kei­ne Ideo­lo­gie, son­dern Pra­xis. Eine Pra­xis, die tief rein­geht, in das, was Big Data eigent­lich ist. Jen­seits von AdSer­vern. Hoch­in­tel­li­gen­te Ent­wick­ler, die vom Mili­tär in die Wirt­schaft gegan­gen sind und z.B. über Hoch­fre­quenz­han­del das Löwen­stück des soge­nann­ten Mark­tes ver­wal­ten und steu­ern. Algo­rith­men, die ande­re Algo­rith­men aus­trick­sen. Börsencrash’s, die sich im Micro­se­kun­den­be­reich abspie­len und nicht mehr sicht­bar sind, die größ­te volks­wirt­schaft­li­che Kon­troll­in­stanz, die FED, die heim­lich über einen Algo­rith­mus den Gold­preis sin­ken lässt. Dabei wer­den etli­che Mil­li­ar­den ver­scho­ben.
Unsicht­ba­re Hand? Adam Smith? Lie­be Wirt­schafts­u­nis — schaut mal rein und stuft Eure der­zei­ti­gen Semi­na­re als “Wirt­schafts­ge­schich­te” ein.

Das alles, wäh­rend Gabrie­le Fischer, brand­eins, im Inter­view mit John­ny Häus­ler, Ver­an­stal­ter, erzählt, daß das NSA-The­ma seit spä­tes­tens 2000 prä­sent ist. War­um also jetzt erst die gro­ße Auf­re­gung?
Weil die Netz­ge­mein­de noch ganz, ganz weit weg ist von der Rea­li­tät. Die alte und die neue Welt haben sich defi­ni­tiv noch nicht ver­mischt. Das soll­ten sie auch nicht. Neue Wege fin­det man nicht mit den Maschi­nen von ges­tern, aber mit Geduld und Herz­blut, wie es Robert Basic unter “Sind re:publicaner naiv?” zusam­men­fasst.

Damit habe ich gera­de ein­mal vier Vor­trä­ge von über 300 zitiert. Vie­le Stun­den Video- und Audio­ma­te­ri­al aller Ses­si­ons ste­hen zur Ver­fü­gung. Ein Zeit­bild, das man unmög­lich abar­bei­ten kann. So wie man das Inter­net nicht lesen kann. Es gäbe noch so viel zu sagen. Zum Bei­spiel über die Geschich­te der #rp, die Flo­ri­an Kra­kau mit ein paar illus­tren Alt­ha­sen der #rp im Plog­cast — dem Bar­camp-Pod­cast vor Ort auf­nahm, inkl. mehr Gefühl, Kul­tur und Sub­text, als ein Blog­bei­trag über­tra­gen kann.

Ein Nerd, Geek und Freak ist jemand, der sich sei­nem The­ma mit Lei­den­schaft wid­met. Die Begrif­fe haben auf die­ser #rp end­gül­tig jeden nega­ti­ven Touch für mich ver­lo­ren. So traf ich einen berühm­ten Rechts­an­walt, der von den neu­en Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Rea­li­tät ange­tan war. Man kön­ne so unglaub­lich tief ein­tau­chen. Zeit und Raum ver­ges­sen.
Brau­chen wir wirk­lich erst die Tech­no­lo­gie, um zu ver­ste­hen, daß unse­re Welt das noch viel bes­ser kann? Die soge­nann­te rea­le Rea­li­tät… Oder kurz: Natur. Sie ist unend­lich und unend­lich schön. Into the wild — ein nächs­ter Schritt hin zum High­Tech / High Touch, dem Jahr­hun­dert, in dem sich Kul­tur und Natur ulti­ma­tiv ver­ei­nen wer­den.

Was also ist die re:publica?

Die #rp ist ein gro­ßer Con­nect, von Men­schen, die das 21. Jahr­hun­dert immer bes­ser ver­ste­hen und gro­ße Lust dar­auf haben. Jede Tech­no­lo­gie ist Men­schen­ge­macht, trans­por­tiert Wer­te. Nur die Natur ist wahr­haf­tig. Wel­co­me into the Wald! Oder wie es Chris­tia­ne in Ihrem sagen­haf­ten Vor­trag mit auf den Weg gab:

Her­me­neu­tik ist heil­bar. Chris­tia­ne Froh­mann

Bei sowas muss ich dann immer heu­len. In die­sem Satz steckt alles drin. So unglaub­lich viel in drei Wor­ten. Ein Mani­fest. Sky­net ist abge­sagt. Die Zukunft ist immer schon da. Zum Bei­spiel auf der re:publica. Das Zeit­al­ter des Men­schen hat begon­nen. Der Mensch. Der, den du kennst und der, der alle ist. Das geht wohl nur im Deut­schen. Die­se gewich­ti­ge Aus­sa­ge schlicht als “Zeit­al­ter mei­ner net­ten Nach­barn” zu ver­ste­hen. Zusam­men öffent­lich heu­len, geht wohl nur auf der re:publica. Emo­ti­on ist kei­ne Schwä­che. Maschi­nen wei­nen nicht. Emo­ti­on ist: Wurst! #esc #Europe’s #Soci­al #Com­mu­ni­ty

 

Wake Up, Neo!

Wald_rp

Drei Ses­si­ons zum The­ma #Hei­mat auf der re.publica 2014. #check

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