Nicht weniger, als ein historischer Moment: Erinnert sich noch jemand an den Begriff „Elektronengehirn“? Er scheint fast verschüttet. Ab Mai werden wir ihn wieder hören. Oft.

Das Elektronengehirn

Der Begriff stammt von den Kybernetikern, einer Gruppe Wissenschaftler aus allen denkbaren Bereichen auf der Suche nach dem Meta- Modell. Sie waren das Fundament der Computer- Branche, aus der IT wurde – Informationstechnologie. Mit dem Web machten die Menschen daraus eine Kommunikationstechnologie- Branche.
Die Vision der Kybernetiker war Meta- Wissen und Ihre Idee „der Computer als Entscheidungsmaschine“ – eine Abbildung des Gehirns und der Wissenschaft an sich – getrieben von Elektronen, die in den 50igern die Maschinen als Hochtechnologie ablösten. Alles schien möglich. Im Wortsinn machten Elektronen und Maschinen gemeinsam die Reise zu den Sternen möglich. Die 50iger waren die Zeit des Aufbruchs, der Beginn eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels. Meta wurde Sinn und Symbol, auch für unser Bild von der Erde. Deswegen ist unsere Sicht der Globalisierung heute, anders als im 16. Jahrhundert, eine ganzheitliche.

Qualitätssprung

Es war auch die Zeit, als sich die Physik von einer materiellen zu einer subatomaren Wissenschaft entwickelte. Stephen Wolfram ist Physiker wie WWW- Erfinder Berners-Lee und schreibt mathematische Programme. Er findet sich in stringenter Tradition mit den Kybernetikern. Stephen Wolfram wird im Mai „Wolfram Alpha“ öffentlich zugänglich machen. Das erste Elektronenhirn für den täglichen Gebrauch.
Das neue eHirn ist allerdings keine einzelne Maschine, wie sich die Kybernetiker das unter „Computer“ vorstellen, sondern ein ganzer Haufen davon, der über eine Web- Oberfläche zugänglich ist. Die Software berechnet mögliche Antworten aus einer Liste ausgesuchter Quellen und erzeugt ausführliche Dokumente, auch mit Visualisierung, über die gestellte Frage. Diese Fragen können in natürlicher Sprache gestellt werden. Alleine dieser Punkt ist bemerkenswert. Wenn Menschen Fragen stellen, so hat jeder seine eigene Formulierung, auch wenn er das Gleiche meint. Gleiche Formulierungen jedoch, können ganz Unterschiedliches meinen. Noch bemerkenswerter sollen die Ergebnisse sein, wie der Spiegel schreibt und Webunternehmer Nova Spivack, einer der ersten Tester, beschreibt.

Stellen Sie sich vor, sie müssen eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. Statt monatelanger Quälerei stellen sie Wolfram Alpha das Thema Ihrer Arbeit als Frage und wenig später drucken Sie das Ergebnis aus.
Was es aber zum Elektronenhirn macht: die Software sammelt keine Antworten, wie Google, es berechnet diese!

Diese Software arbeitet auf eine Weise, die man bisher dem menschlichen Gehirn zuschrieb. Das können Sie jetzt eine Sekunde sacken lassen.

Veränderung

Das wäre jetzt der Zeitpunkt eine ganze Reihe von Science Fiction am inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Zum Beispiel den „Bibliothekar“ in Snow Crash. Wenn hochwertiges Wissen nicht nur sofort verfügbar ist, sondern die Maschine hilft, neues Wissen zu entdecken, was Teil Ihrer Funktion ist, können, ja müssen wir uns auf etwas Anderes konzentrieren.

Wenn Wissen die Struktur menschlichen Denkens darstellt, dann können wir uns umgehend auf die Prozesse fokussieren. Die 2000 Jahre alte Tradition des Denkens wird endgültig auf eine Meta- Ebene gehoben.
Und überhaupt wird „nicht-denken“ und „nicht-wissen“ ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wir befreien uns ein weiteres Stück von dem, was unsere Natur war.

Schon jetzt möchte ich nicht, daß jemand während eines Gespräches in der Wikipedia nachschaut. Wenn mein Gegenüber einen Begriff und seine Bedeutung nicht kennt, dann soll er es auch nicht in diesem Moment nachholen. Das würde soziale Kommunikation unmöglich machen. Das „nicht-wissen“ ist der Status der Unterhaltung. Und das ist auch gut so.

Das bedeutet eben nicht, daß wir unser Hirn an der Kasse abgeben. Das bedeutet nur, daß wir einen Teil der Ressourcen für etwas anderes benutzen – uns.

Zukunft

Damit sind wir bei den Sprungstellen der Qualität. Warum heisst das Ding „Wolfram Alpha“?

  1. das machen Wissenschaftler so („Heisenbergsche Unschärfe“), schließlich leben Sie für den Ruhm und selten für das Geld
  2. das meint er so, wie er es sagt: ein künstlicher Wolfram, im Gegensatz zum Original aber noch alpha

Die 50iger haben uns aufgrund einer unvollendeten Vision vom Computer in das Internet- Zeitalter gebracht. Was passiert nun also, wenn die vollendete Vision eine völlig neue Generation Zukunft hervorbringt?

Ich kann nicht anders, als die Ebene des Menschen an sich zu betrachten. Der Computer – ein Single, der Mensch – ein Single, der Wolfram-Computer-Mensch – ein Single. Immer wurde alles vom einzelnen Menschen, von der Person aus gedacht. Der Gott – auch Single.

Wir sehen das Internet als ein Netzwerk einzelner Menschen. Seine wahre Kraft besteht aber erst im Sozialen Wesen. Der Mensch definiert sich durch Essen als Einzelwesen. Ok. Aber erst in seiner Interaktion mit anderen Menschen wird er zu dem, was ihn vom Tier unterscheidet. Der Mensch ist nie alleine, denn dann verkümmert er (Kaspar Hauser). Er ist immer viele. Er ist ein soziales Wesen.  – Ein – Soziales – Wesen –

Ich meine nicht alle Menschen. Ich meine jeden Einzelnen. Das Elektronenhirn ist nur eine Maschine und kein Gehirn („mind“), aber es wird dazu führen, daß wir uns im Alltag als das Begreifen, was wir sind. Auf dieser Basis werden wir anders denken, anders leben, anders kommunizieren und – um im Kontext des Blog zu bleiben – anders arbeiten und konsumieren.

50 Jahre Anlaufphase und Morgengrauen. Im Mai beginnt ein neuer Tag.

>> via medienpirat/twitter

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3 Responses to Die berechnende Wissensmaschine – the rise of the social age

  1. Sabria David sagt:

    Spannend. Haben wir uns das als ein digitales Orakel vorzustellen? Wie wird die grammatische Struktur in eine mathematische übersetzt? Ist das Ding lernfähig? Und: Ist es nicht unheimlich, eine Frage einzugeben und eine Anwort zu bekommen? Wollen wir Antworten nicht selber finden?

  2. Michael sagt:

    Ein Orakel ist es gerade nicht ;-) Es geht ja nicht um die Zukunft, sondern um das bereits vorhandene Wissen. Auf diesem baut es auf. Deswegen kann es auch Menschen helfen, neues Wissen zu erzeugen, dieses aber nicht selber liefern. Von „Lernfähigkeit“ wurde erst einmal nichts erwähnt. Ich denke aber, W. Alpha ist der erste Schritt dorthin, lernfähige Systeme zu erzeugen. Sozusagen lässt der Beginn der Geschichten von Matrix und Terminator nicht mehr lange auf sich warten ;-))

    Und ja, ich denke, es ist sehr unheimlich, Antworten von einer Maschine zu erhalten. Man denke nur an Eliza (http://de.wikipedia.org/wiki/ELIZA), das war ein Fake und trotzdem waren ziemlich viele Leute ziemlich aufgebracht.

  3. Sabria David sagt:

    Oh, Eliza kannte ich noch nicht. Interessant. Da ist ja selbst ihr Schöpfer darüber erschrocken, wie gut sie ankam. Die Frage wird ja auch bei Wolfram Alpha sein, ob Quellenkritik im Falle bequemer Antworten noch möglich ist. Oder ob die Versuchung nicht allzugroß sein wird, das Hinterfragen mit der Antwort gleich mit zu delegieren.

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