Tourismus — Leitbranche der Kulturwirtschaftslehre

Die Welt ist im Wan­del.” J.R. Tol­ki­en, Herr der Rin­ge

Als ganz­heit­li­cher Wohl­stands­in­di­ka­tor ist das Kon­zept des Wohl­be­fin­dens Aus­druck eines neu­en Ver­ständ­nis­ses von Wohl­stand und gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be.” Wiki­pe­dia 02. Mai 2017

Die Wirtschaftslehre ist nicht vollständig

Die ers­te The­se die­ses Bei­tra­ges ist recht sim­pel. Zwi­schen BWL und VWL muss die KWL tre­ten, um die Wirt­schafts­leh­re kom­plett zu machen:

BWL — Betriebs­wirt­schafts­leh­re — beschäf­tigt sich mit dem Wirt­schaf­ten in Betrie­ben. VWL — Volks­wirt­schafts­leh­re — beschäf­tigt sich mit dem öko­no­mi­schen Wachs­tum einer Volks­wirt­schaft anhand Ihres BIP — Brut­to­in­lands­pro­dukt. Bei­de benut­zen mone­tä­re und mate­ri­el­le Indi­ka­to­ren.

Das Pro­blem der BWL: sie ist wert­frei. Das wich­tigs­te Ziel ist Pro­fit. Damit ist sie zwar wachs­tums­ori­en­tiert, aber eben nur mone­tär. Es gibt aller­dings vie­le Arten des Wachs­tums. Natür­li­ches Wachs­tum ist z.B. quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv. Jeder erfolg­rei­che Unter­neh­mer weiss das.

Das Pro­blem der VWL: sie kann ihr eigent­li­ches The­ma, die Lebens­qua­li­tät der Men­schen, weder mes­sen, noch bear­bei­ten, noch ver­ste­hen. Des­halb wur­de Wohl­be­fin­den als neu­es Kon­zept ein­ge­führt.

Man könn­te auch sagen: die Wirt­schafts­leh­re ist kul­tur­los, weil sie kon­se­quent funk­tio­nal gedacht wird. Ihr fehlt alles Emo­tio­na­le. Dar­an stößt sie sich bestän­dig. Dabei ist “Wirt­schaf­ten” ein Teil­be­reich der mensch­li­chen Kul­tur. Der Kern von Kul­tur IST Wirt­schaf­ten, näm­lich die Land­wirt­schaft (alte Bedeu­tung von Kul­tur, ety­mo­lo­gi­sche Wur­zel). Wie konn­ten wir das ver­ges­sen?

Berück­sich­tigt man neue­re Erkennt­nis­se, z.B. das alles kogni­ti­ve ver­ar­bei­ten emo­tio­nal ist und der Homo Eco­no­mi­cus nicht exis­tiert, benö­tigt die BWL eine neue Grund­la­ge und die VWL eine Erwei­te­rung. Hier kommt das K ins Spiel.

Die KWL — Kul­tur­wirt­schafts­leh­re muss gegrün­det wer­den, um die wei­chen Fak­to­ren mensch­li­chen Wirt­schaf­tens auf eine wis­sen­schaft­li­che Basis zu stel­len. Ihr The­ma ist das In-Wert-Set­zen von Kul­tur. Da man Kul­tur nicht ver­kau­fen, son­dern nur erle­ben kann (“in-Wert-set­zen” statt “ver­wer­ten”), sie aber gleich­zei­tig bestimmt, was wir wie kon­su­mie­ren, kann sie die feh­len­de Schwes­ter der BWL wer­den. Der neu­en VWL gäbe sie ein star­kes Fun­da­ment, um Zie­le wie Lebens­qua­li­tät und Nach­hal­tig­keit auf natio­na­ler Ebe­ne zu bear­bei­ten.

Sie stän­de zwi­schen den bei­den und wür­de sie kom­plet­tie­ren: BWLKWL + VWL = Wirt­schafts­leh­re = Betrie­be + Kul­tur + Volk (heu­te bes­ser: Gesell­schaft).

Nun könn­te man aller­hand dazu sagen. Das wäre aller­dings etwas sehr viel für einen Blog­post.

Tourismus entsteht gerade erst

Mei­ne zwei­te The­se ist weni­ger sim­pel und wird mich die nächs­ten Jah­re beglei­ten:

Der Tou­ris­mus ist die Leit­bran­che der Kul­tur­wirt­schaft.

Begin­nen wir mög­lichst ein­fach: die Kul­tur­wirt­schaft ist schlecht defi­niert, näm­lich als Sek­tor der Wirt­schaft. Damit ord­net sich die Kul­tur der Wirt­schaft unter. Ein­fa­cher gesagt: Weil wir Wirt­schaft als wesent­lich anse­hen, ver­ste­hen wir unter Kul­tur­wirt­schaft so etwas wie Thea­ter, Musik­busi­ness oder den Buch­markt. Wiki­pe­dia defi­niert:

Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft (eng­lisch cul­tu­ral indus­tries) ist ein Wirt­schafts­sek­tor, der sich mit der Schaf­fung, Pro­duk­ti­on, Ver­tei­lung und/oder media­len Ver­brei­tung von kulturellen/kreativen Gütern und Dienst­leis­tun­gen befasst.”[Wiki­pe­dia Kul­tur­wirt­schaft]

Das Pro­blem ist weni­ger die Defi­ni­ti­on, als der Kon­text, der bei uns mit­läuft: näm­lich nur die Hoch­kul­tur als Kul­tur zu ver­ste­hen. (Was die gera­de lau­fen­de Debat­te zur Leit­kul­tur so schwie­rig macht.)

Neh­men wir jetzt den Kern der Idee der Defi­ni­ti­on:

Kul­tur­wirt­schaft befasst sich mit der Schaf­fung, Pro­duk­ti­on, Ver­tei­lung und Kom­mu­ni­ka­ti­on kul­tu­rel­ler Güter. 

Neh­men wir jetzt die­se Defi­ni­ti­on und den Tou­ris­mus als Bei­spiel:

Der Wan­der­weg ist die Inwert­set­zung der Natur. Durch den Wan­der­weg wird Natur für jeden erleb­bar. Ras­ten, Spei­sen, Über­nach­ten, Wan­der­be­klei­dung lei­ten sich als kon­su­mier­ba­re Güter davon ab. Wan­dern ist ein Kul­tur­gut.

Die Schau­stel­le-Bau­stel­le Akti­on in Ber­lin war die Inwert­set­zung von “Stadt­ent­wick­lung”, gera­de­zu die Insze­nie­rung von Stadt­ent­wick­lung als kul­tu­rel­les Gut.

Ein Schin­ken ist ein Pro­dukt (BWL). Ein Schwarz­wäl­der Schin­ken ist ein Kul­tur­pro­dukt, auf­ge­la­den und bedeut­sam — also Inwert­ge­setzt oder eben auf­ge­wer­tet v.a. durch die vie­len Tou­ris­ten über die vie­len Zeit­läuf­te im Schwarz­wald.

Ein Folk­lo­reabend für Tou­ris­ten ist die Inwert­set­zung von Tra­di­ti­on, einem Teil von Kul­tur.

“Markt-Wirt­schaft” für Tou­ris­ten

Neh­men wir jetzt die Hoch­kul­tur:

Städ­te­tou­ris­ten rei­sen für einen Kul­tur­abend nach Ham­burg in die Elb­phil­har­mo­nie. (Bei “Elfi” erwar­te ich einen Chanty­a­bend — aber gut, mei­ne “Vor­stel­lung”.) Der Tou­ris­mus sorgt nicht nur für wich­ti­ge Mehr­ein­nah­men der Phil­har­mo­nie, son­dern hilft Ham­burg selbst auf­zu­wer­ten.

Theo­dor Storm, gebo­ren auf Husum, wur­de mit dem Schim­mel­rei­ter berühmt. Damit ent­stan­den inne­re Bil­der vom Leben an der Nord­see. Der Tou­ris­mus macht die­se Bil­der erleb­bar, er setzt sie in Wert, macht sie durch das per­sön­li­che Erleb­nis wert­vol­ler und sei es nur durch eine Bus­fahrt an den “Ori­gi­na­len” Deich.

Die­se Rei­he mit schnel­len Bei­spie­len lies­se sich end­los fort­set­zen. Fest­zu­hal­ten ist: Die Kul­tur­wirt­schaft beschäf­tigt sich nicht nur mit mate­ri­el­len Wer­ten, wie dem Ein­tritts­geld, son­dern viel­mehr mit emo­tio­na­len Wer­ten, Wer­ten des Ein­zel­nen, wie der Gemein­schaft. Der Tou­ris­mus bil­det eine unglaub­li­che Brei­te die­ses Inwert­set­zens ab. Eine rein mone­tä­re und mate­ri­el­le Betrach­tung wird ihm nicht gerecht.

Dar­aus folgt, das ein sinn­vol­les Tou­ris­mus­stu­di­um die Kul­tur­wirt­schafts­leh­re benö­tigt, als Ein­zel­wis­sen­schaft inner­halb der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. BWL ist zu wenig, VWL ist zu viel. Bei­de beschäf­ti­gen sich nicht mit der Vor­aus­set­zung von Wirt­schaft: Kul­tur. Die­se hat, ins­be­son­de­re im wirt­schaft­li­chen Kon­text, eige­ne Gesetz­mä­ßig­kei­ten. Der Ver­an­stal­ter­tou­ris­mus ist dann eine Bran­che inner­halb des Stu­di­ums. Dis­ney ein Bei­spiel eines Kul­tur­un­ter­neh­mens. Das Sys­tem Tou­ris­mus ist dann wesent­lich umfang­rei­cher, inte­griert Wirt­schaft, Kul­tur und Poli­tik, fügt ihnen die The­men der Gemein­schaft hin­zu und kann so ein per­fek­tes Wirt­schafts­bei­spiel für die Kul­tur­wirt­schaft abge­ben. (Und hät­te Bera­ter­funk­ti­on in der Leit­kul­tur- Debat­te.)

Tou­ris­mus soll Geld ver­die­nen. Geld­kreis­läu­fe benö­ti­gen aber ein “War­um”, einen Sinn. Der Sinn von Auto-mobil ist künst­li­che Mobi­li­tät. Tou­ris­mus gibt einer gan­zen Rei­he von Geld­kreis­läu­fen einen Sinn. Er macht aber noch mehr: er bringt Men­schen zusam­men, macht Kul­tur sicht­bar und lädt die “Mar­ke Kul­tur (einer Gemein­schaft)” mit Bedeu­tung auf.

Kul­tur kann man nicht ver­kau­fen, nur erle­ben. Der Wil­le zum Erle­ben begrün­det erst den Kon­sum und damit die BWL. Ein Wett­streit der Kul­tu­ren ist somit deut­lich pro­duk­ti­ver, als ein Wett­streit der Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren. Ein dank­ba­res The­ma für die VWL.

Die KWL könn­te der next big step der Wirt­schafts­leh­re sein, ihr bes­ter Dis­ruptor. Lebens­qua­li­tät und Nach­hal­tig­keit stei­gern, sogar Lebens­freu­de und das Wohl­be­fin­den von Natio­nen.

Tou­ris­mus ist kei­ne Bran­che. Tou­ris­mus ist in die­sem Sinn auch kei­ne Quer­schnitts­bran­che. Tou­ris­mus ist ein Anlass für Bran­chen, so wie Gesund­heit (allg. Ziel) oder das Inter­net (allg. Platt­form), nur als eigen­stän­di­ger Typ. Tou­ris­mus ist ein Anwen­dungs­fall von Wirt­schaft und ein Gegen­bild von Kul­tur (als Pro­dukt der Sess­haf­tig­keit).

Die Geschich­te des Rei­sens und die Geschich­te der Kul­tur sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Machen wir also bei­de nicht klei­ner, als sie sind. Dann könn­te auch Wirt­schaft wie­der grö­ßer wer­den, als “Umsatz — Kos­ten = Ertrag”. Denn das ist im aktu­el­len Jahr­hun­dert kaum noch zu ertra­gen.

Bild­quel­le: Flickr — Mar­co Verch — CC Lizenz By 2.0 

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