Nun ja, „noch“ nicht ganz Deutschland. Aber zumindest stellvertretend: eine kleine Marktgemeinde im Allgäu in Bayern zeigt schon einmal, wie es geht. Aber der Reihe nach.

1. Die dicke Idee (Big Idea)

Wie verwöhnt man seine Gäste, wenn man keinen Strand hat, keine azurblauen Wasser und kein Brandenburger Tor oder die Reeperbahn? Einfache Antwort: mit Service.
Im Falle Oberstaufens, so heisst die „Gallische Google Gemeinde“ (Süddeutsche), nennt sich das Oberstaufen Plus – Urlaub ohne Nebenkosten. Um nur ein paar der vielen Vorteile zu nennen: kein Parkticket ziehen, keinen Skipass kaufen, selbst Golfen ohne Greenfee (und das bei den Plätzen!! ;-).

Die wichtige Frage ist nun aber: wie kommuniziert man das? Oberstaufen setzte ganz auf das Social Web. Statt sich aber wie Skittles „nur“ einen Spaß draus zu machen, wurden die Werkzeuge 2.0 auf die Marke und Ihre Gäste angepasst. Maßgeschneidert wäre das bessere Wort.

Das war kein Selbstläufer. Es war ein Ringen der Verantwortlichen, der lokalen Parteien, der Einwohner. Vor allem war es aber das Ringen und die Selbstaufgabe des Projektleiters: Benjamin Buhl. In Marketing umgesetzte Heimatliebe, könnte man sagen.

2. Gruppenaktivierung (Crowdsourcing)

So eine Maßnahme, daß ist schon was Tolles. Nur eben nicht mehr heute. Jetzt heisst es dranbleiben. Oberstaufen startet in der Gemeinde. Auf dem eigenen Marktflecken sozusagen. Die Mitarbeiter, die Bürger, die Leistungsträger (Hotels, Dienstleister etc.) werden in Vorträgen und Workshops mitgenommen. Da wird nicht einfach präsentiert, da wird heftigst diskutiert. Aber eben nicht so wie Teildeutschland rund um Street View diskutierte, sondern immer hart an der Wirklichkeit.
Lassen Sie es mich nur ein einziges Mal so sagen: Street View gefährdet den Schutz privater Daten in etwa so, wie ein Spaziergang durch das idyllische Oberstaufen. Nur weniger.

Im zweiten Schritt sind die Gäste dran, besser gesagt die Fans. Oberstaufen hat etliche davon. Wer sich einmal der Tortour der Schrothkur (ohne Schrot, dafür nach dem Hr. Schroth) unterzogen hat, der will es immer wieder. Fans. halt.
Diese werden u.a. auf Facebook und Twitter perfekt und vor allem leidenschaftlich umsorgt. Anfragen nach dem passenden Quartier werden ebenso schnell beantwortet, wie die Frage des Winters, „ob er kommen kann“.
Der Höhepunkt ist das Video „Du bist Oberstaufen“, daß den Gast in aller Herzlichkeit in die Mitte der täglichen Sorgen, Nöte und Freuden der Oberstaufener stellt. Bis – ja, bis eine Torte die Hauptrolle im Video übernimmt. Aber da ist die Fan-Markt-Gemeinde schon um einiges angewachsen. Nicht zuletzt, weil unter allen berühmten touristischen Orten Deutschlands ausgerechnet das winzige Oberstaufen sich als erste in das Licht der digitalen Öffentlichkeit 2.0 wagte. Womit wir bei PR sind.

3. Marketing in der Gemeinde (Communitymarketing)

Jetzt werden wir persönlich. Vielleicht eines der Geheimnisse um die PR 2.0. Benjamin, oder kurz Benni, wie die touristische Branche ihn mittlerweile nennt, hatte einen guten Riecher. Geholfen hat ihm Twitter: das Werkzeug spiegelte die deutsche Diskussion rund um Street View in allen Facetten wider. Seine Reaktion: wir backen eine Torte. Kurzer Anruf in Oberstaufen, backen, fotografieren, online setzen. Neben vielen Häppchen war es ein Tortenstück Sonntag Abend auf Twitter, welches wiederum Montag morgen um halb 9 den Bayrischen Rundfunk in das Allgäu lockte. Vorher gab es schon jede Menge digitaler Verkostungen. Der Rest ist Geschichte. Tourismus-Marketing-Geschichte.

Gestern nun wurde eine deutlich größere Torte gebacken. Gemäß der Leitidee, Tradition und Moderne zu verheiraten, hatten Laptop und Lederhose Ihren authentischen Auftritt. Deutschland klickt sich durch Street View und bekommt eine interaktive Führung durch Oberstaufen. Oberstaufen wer?? Siehe Tagesschau.
Mittlerweile läuft die kollektive Intelligenz Sturm: Holidayinsider verbindet Street View mit den freien Hotels, ein Geocache wird verzweifelt gesucht, genauso wie der Laden „Mode für Mollige“ in Oberstaufen von @neuemodetrends.

Das Web hat aber vor allem (wahrscheinlich meist zitiert ;-) eine Antwort auf die Frage, wie schlimm Google Street View wirklich ist: „Skandal, Frau mit Kind nicht verpixelt!“

Oberstaufen_Marketing_StreetView_Tourismus

Fazit: Gibt es noch keines. Das Thema hält noch eine Weile. Nur soviel: Während die Branche darüber nachdenkt, was das alles für den Tourismus bedeutet, hat die 1. Basketball Bundesliga der Damen gestern noch für das Jahrestreffen reserviert. Begründung: „Mal im Ernst, Ihr seid richtig cool!“ Stimmt. Und mutig. Und modern. Und eine Reise wert – immer noch ohne Nebenkosten.

Weitere gute Blogbeiträge:

Krieg der Pixel – Hotelmarketingblog

PR-Kampagne im Allgäu

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Disclaimer: KMTO ist Mitglied bei netzvitamie, dem Werksverbund für Tourismus, verantwortlich für das Tourismusmarketing in Oberstaufen. Unsere Aufgabe ist strategische Marken- und Kommunikationsberatung.

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One Response to Die Oberstaufen Strategie – oder: Deutschland kann Social Web im Tourismus

  1. […] hier vor­ge­stellte “gigan­ti­sche PR Coup*” zum Start von Google Street View in Deutsch­land, äh Ober­stau­fen, hat ges­tern sei­nen […]

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