Eigentlich – sollte das ein Jahresrückblick werden. Aber es gibt da etwas, daß mich schon länger aufregt. Es ist unglaublich Laienhaft, wie das Internet in den Medien und bei vielen bekannteren Personen diskutiert wird. Warum also nicht ein Rückblick aufs Jahrzehnt – schließlich dauert der Unfug schon so lange.

Das Internet ist kein Fernseher!

Wahrscheinlich fing alles mit den Werbeagenturen an, die um 1997 endgültig das Netz als neuen Geschäftsbereich entdeckten – und aller Welt davon erzählten, völlig unbefangen von irgendeinem technischem Verständnis. Der älteste Quark ist es, das Internet wie ein Medium zu behandeln. Der beliebteste Vergleich ist der des Werbemediums. Dabei wurden (und werden)  Einschaltquoten mit der Internetnutzung verglichen. Welchen Sinn soll das machen? Der Fernseher läuft, das Radio läuft, aber nutzen wir es auch? Schauen wir immer hin? Hören wir immer zu?
Das Internet kann man nicht nicht nutzen. Wenn ich online bin, bin ich online. Wenn nicht, dann nicht. Der einzig sinnvolle Vergleich wäre die aktive Nutzung eines Werbespots vs. der aktiven Nutzung einer Webseite oder Anzeige. Selbstverständlich will und kann das die  werbetreibende Industrie aber nicht vergleichen.
Wen interessiert es, wie viele Deutsche Online sind im Vergleich zu, wie viele Deutsche Fernsehen schauen? Welche Aussagekraft soll das haben? Allerdings: im TV kann ich über mehrere Sender sehr viele Menschen gleichzeitig erreichen. Dazu müsste ich im Internet ungezählte Webseiten mit ähnlich präsenter Ganzseitenwerbung füllen. Was ja nicht geht. Weil das Internet nicht aus ein paar TV Stationen besteht.

Aber jeder sieht das Netz eben so, wie er gerne möchte. Mit dem Netz kann man es ja machen. Der Werber sagt: ist genau wie Werbung. Der Verleger sagt: ist genau wie Zeitung. Der Nerd sagt: ist Computer, habt ihr keine Ahnung von. Und jeder darf etwas dazu sagen. Vor allem die, die schon immer die Kanäle belegt haben. Wozu sollte man wissen, worüber man spricht? Eine der Tugenden, die im letzten Jahrzehnt stark abgenommen haben, ist, nur dann den Mund aufzumachen, wenn man etwas weiss. Oder mal zu sagen: davon habe ich keine Ahnung. Viele lieben den Satz von Dieter Nuhr, aber kaum einer hält sich dran: „… einfach mal die Schnauze halten…“

Mit einem Wort: der Vergleich hinkt so sehr, daß er falsche Informationen liefert. Es gibt Medien im Internet, die mit Fernsehen und Radio vergleichbar sind, auch hinsichtlich von Werbung, aber das ist eben nur ein kleiner Ausschnitt des Netzes. Auf dieser Ebene könnte man sogar sinnvolle Vergleiche anstellen.

Das wirklich Schlimme ist nur: leider werden solche Vergleiche auch benutzt, wenn es um rechtliche Grundlagen der Netzpolitik geht. Da aber sind sie äußerst schädlich. Solche Gedankenmodelle finden sich  selbst in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft! Mal ehrlich, wo leben wir denn?

It’s Infrastruktur, Stupid

Das Internet ist eine technologische Infrastruktur zum Austausch von Daten. Es besteht aus sehr vielen Schichten aus Hardware, Software und Service, die das Computing in einem weltweiten Netzwerk ermöglichen. Es ist eine globale Infrastruktur.

Die fortschreitende Vernetzung lässt  dabei einen riesigen globalen Computer entstehen, in dem alle möglichen Prozesse miteinander agieren.

Bleiben wir also der Einfachheit beim Bild des globalen Computers: so gut wie alles, was auf einem Computer funktioniert, geht auch im Internet! Logisch. Ich kann Fernsehen, Radio hören, Zeitung lesen etc. – aber das macht das Internet noch nicht zum Medium! Medien sitzen „on Top“ der Infrastruktur. Neben vielen anderen Dingen. Computer können nämlich viel mehr, als Inhalte anzuzeigen.
Ich kann den Computer privat nutzen, oder beruflich, alleine, oder mit vielen zusammen. Jede dieser Nutzungen kann alten klassischen Modellen entsprechen. Deshalb kann ich aber noch lange nicht eins herausgreifen und dann als Politik auf das ganze Netz legen. M.a.W. die kommerzielle Nutzung von Musikdateien hat noch lange nichts mit der persönlichen Nutzung von Musikdateien zu tun, auch wenn beides „über das Internet“ läuft.

Bleiben wir kurz beim Copyright. Wenn ich eine mp3 Datei an einen Freund schicke oder sie mir aus dem Netz lade, begehe ich noch keinen Copyrightverstoß! Was haben wir früher Kassetten getauscht. Sind deswegen hunderttausende Menschen ins Gefängnis gewandert? Nur weil etwas potenziell möglich wäre, ist es faktisch noch nicht geschehen. Sonst müssten alle Menschen wegen potentiellen Totschlags ins Gefängnis. Und ob ich etwas kommerziell mache oder nicht, das kann man prüfen, bevor Abmahnungen in Millionenhöhe verschickt werden. Hier nutzt eine alte Kaste ihre Machtstellung aus. Deswegen ist sie noch lange nicht im Recht. Deswegen ist das Internet noch lange kein rechtsfreier Ort, auch für Musikverlage nicht!

Das geht aber auch andersrum: nur weil Musikverlage wie die Säue mit dem Copyright umgehen, heisst das noch lange nicht, daß ich das Copyright abschaffen oder auch nur ändern muss.

Wie überhaupt alle Tätigkeiten im Internet von Menschen begangen werden und deswegen eine reale Entsprechung haben. Nicht nur das Thema Kinderpornografie hat gezeigt, daß die Lösungen nicht im Netz liegen, sondern in der Welt. Oder soll ich die Autobahn sperren, weil es einige hirnlose Raser auf der Strecke gibt?

Apropo Macht: was stöhnen die Zeitungsverlage. Dabei wachsen die Gewinne seit Jahren. Es ist doch irrelevant, ob sie das Internet verstanden haben oder nicht. Das ist Ihre geschäftliche Entscheidung. Aber wie sie Ihre Machtposition ausnutzen, um das Internet zu verteufeln und zu Ihren Zwecken zu verbiegen — das braucht endlich Politiker, die dem Einhalt gebieten.
Das Internet ist die wichtigste Infrastruktur, die die Menschheit je entwickelt hat. Die Aufgabe des Staates ist es, dieses Potenzial zu schützen. Gerade vor Medienkonzernen, denen der Nutzen des Netzes ganz offensichtlich egal ist. Das Bild vom Internet ist bei den meisten Menschen durch klassische Medien geprägt. Wie sehr diese hierbei ihrer so oft gepredigten „Systemrelevanz“ gerecht werden, muss wohl kaum weiter diskutiert werden.
Es ist die Aufgabe wirtschaftlich handelnder Verlage, mit dem Netz Geld zu verdienen. Es ist nicht Ihre Aufgabe, das Netz zu Ihren Gunsten zu verändern oder auch nur umzuinterpretieren.

Und nein – Netzneutralität ist kein Menschenrecht. Soweit ich sehen kann, kostet das Netz Unsummen von Geld und wir leben nicht im Kommunismus. Grundversorgung ist ein Menschenrecht. Was das bedeutet, sollte endlich politisch entschieden werden. Dazu gehört auch die Unterscheidung von Internetprotokollen, die international verwaltet werden und Internetzugängen, die Konzernen und dem Wettbewerb unterliegen. Zumindest in der öffentlichen Diskussion. Der Staat kann und soll kein Zugangsprovider werden. Das wirkliche Thema sind doch die Leitungen. Die Straßen gehören dem Staat. Die Post gehört dem Staat. Die Bahn gehört dem Staat. Die Telekom gehört dem Staat. Kann das Internet auch dem Staat gehören?

Augmented Life – das ganz normale Leben

Zum Glück ändert sich das Schlachtfeld um Macht und Zukunft gerade ganz gewaltig. Aus den simplen Protokollen, um Inhalte anzuzeigen, wird echtes Computing. Software und Anwendungen sind wichtiger, als bunte Bildchen. Das muss zwangsläufig dazu führen, daß eine ganze Reihe der bisherigen, hirnlosen Diskussionen aufhören. Nicht nur das Netz wird erwachsener, auch die Diskussionen darum.

Es beginnt ein neues Jahrzehnt im Web. Man kann es schon überall spüren. Nicht mehr das Medium, sondern der Computer stehen im Mittelpunkt. Computer in allen nur denkbaren Formen. Selbst der Fernseher wird zum Computer.
Als Teil dieser Bewegung werden auch die häufiger gehört, die viel wesentlicher das Netz prägen, als die Medienkonzerne: die IT- Unternehmen. Allen voran Google und Apple.

Damit wächst aber auch die Verantwortung der Politik. Wenn erst einmal echte Prozesse von Konzernen gesteuert werden, wie will die Politik das dann noch ändern?
Hat schon mal jemand versucht, die IT- Abteilung eines Unternehmens auszutauschen? Undenkbar. Alles würde still stehen. Was aber würde so ein Szenario auf gesellschaftlicher Ebene bedeuten? Ist die Politik diesen Fragen gewachsen? Kann sie die Bedeutung einer gesellschaftlichen Infrastruktur überhaupt begreifen, oder sogar steuern?

Warum gibt es nicht endlich ein Portal, in dem alle Inhalte aller Schulbücher erfasst und mit den Quellen im Internet verlinkt sind? Warum? Wegen den Schulbuchverlagen?

Im Marketing stehen digitale Funktionen analoger Angebote im Vordergrund, und sei es nur die Zahnbürste mit digitaler Erfassung persönlicher Putzdaten. Der digitale Vertrieb wird wichtiger. Klassische Kommunikation bekommt eine Rolle neben vielen im Marketing. M.a.W. die Welt wird wieder normaler.

Augmented Life – das ganz normale Leben, einfacher, angenehmer, menschlicher durch digitale Technologien – das könnte der Leitspruch für das nächste Jahrzehnt werden. Durchaus ein Leitbild für die Politik, unter dem jeder seine Themen wiederfinden kann.

Schluß also, mit den typischen „Ob“ Diskussionen. Kommen wir bitte endlich zum „Wie“. Wie wollen wir in den nächsten zehn Jahren leben?

Bildquelle: das erste Bild bei der Googlesuche zum Begriff „Internet“

Zum gleichen Thema

(Leser: 3.534)   Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Marke: Arten und Typen
Marke modern gedacht:
  • Soziale Werte & Konstrukte als Basis.
  • Differenzierung der Branchen und Ihrer Marken.
  • Markenstärke neu beschrieben.
Vortrag: Mobile Marketing
Die Präsentation hat drei Schwerpunkte:
  • BestOf der intern. Marktzahlen aus 9 Monaten 2011
  • Grundlagen: Wann lohnt sich eine App?
  • Überblick zu den Entwicklungen
Studie: B2B im Social Web
Die Studie beinhaltet:
  • vier ausgewählte Praxisbeispiele,
  • das wichtigste aus internationalen Studien und
  • Empfehlungen für B2B - Unternehmen.